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Hallo Joshua! Stell dich doch bitte zunächst einmal vor.

Mein Name ist Joshua Schmidt, ich bin 16 Jahre alt, bin Schüler und komme aus der Nähe von Gießen in Hessen. Das Yu-Gi-Oh! TCG spiele ich seit ungefähr 3 bis 4 Jahren auf „professioneller“ Ebene, wenn man das so nennen mag.

Lass uns zunächst noch auf die Europameisterschaft Anfang Juli in Mailand zurückblicken. Wie hattest du dich dafür qualifiziert? Wie fiel die Entscheidung auf das Aufzieh-Deck?

Qualifiziert habe ich mich dadurch, dass ich die WCQ Regional Championship in Gießen gewonnen habe. Es lag von Anfang an sehr nahe, ein Aufzieh-Deck zu spielen, da ich das Deck erfolgreich auf der YCS Leipzig gespielt hatte und es auch für eines der besten Decks nach Änderung der Prioritätsregelung hielt. Daher fiel mir diese Entscheidung nicht sehr schwer.

Wie verlief die Europameisterschaft für dich?

Nach einem mittelmäßigen Start mit einer Niederlage gegen ein Dino-Rabbit-Deck in der 2. Runde konnte ich den ersten Tag mit 7:1 abschließen und auch mein erstes Match am zweiten Tag gewinnen, somit stand ich mit 8:1 quasi sicher in den Top 64, woran auch die Niederlage in der letzten Vorrunde nichts änderte. Im weiteren Verlauf gewann ich meine KO-Matches und schließlich auch das wichtige Viertelfinale, womit ich mich sicher für die WM in Tokio qualifiziert hatte. Da tat die Niederlage in den Top 4 gegen Stefano kaum noch zur Sache.

Wie fühltest du dich nach dem Sieg im Viertelfinale?

Das ist sehr schwierig zu beschreiben, es war zunächst einmal sehr schwer zu begreifen und ich denke, dass ich es erst ein paar Stunden später wirklich glauben konnte. Es war ein klasse Gefühl!

Kommen wir nun zur Weltmeisterschaft. Da bisher nur sehr wenige Menschen die Möglichkeit hatten, ein solches Turnier hautnah mitzuerleben: Beschreibe doch bitte kurz den Verlauf der Tage, die du in Tokio verbracht hast.

Ich bin bereits am Dienstag vor der WM zusammen mit meiner Begleitperson Michel Grüner angereist, um etwas mehr Zeit in Tokio zu haben. Abends haben wir uns zunächst das Nachtleben von Tokio angesehen. Mittwoch und Donnerstag standen dann etwas Kultur und Sehenswürdigkeiten auf dem Plan. So haben wir einen kleinen Teil der riesigen Stadt gesehen, es war aber sehr interessant. Freitag gab es schließlich die Möglichkeit, an einer von Konami organisierten Sightseeingtour teilzunehmen, welche wir jedoch aufgrund unserer eigenen Tour in den Tagen zuvor ausließen. Also baute ich mein Deck fertig und schrieb die Deckliste, die abends bei einem Willkommensessen mit allen Teilnehmern abzugeben war. Nach dem Turnier am Wochenende ging es Montagmorgen dann auch schon wieder zurück.

Wieso hattest du dich in diesem speziellen Format für ein Insektor-Deck entschieden?

Es schien einfach das beste Deck zu sein. Es dominierte in Japan das Format und die wichtigsten Karten aus dem TCG fehlten im WM-Format (Anmerkung der Redaktion: Karten, die nicht in einer Region noch nicht erschienen sind, sind bei einer WM nicht zugelassen.), wie zum Beispiel Fremdenführerin aus der Unterwelt, Aufzieh-Hai usw. Auf die vermuteten Insektor-Mirror-Matches hatte ich mich ebenfalls gut vorbereitet.

Wie fandest du die Atmosphäre beim Turnier?

Zwischen den Runden herrschte eine sehr gute Atmosphäre, dennoch lag schon immer eine gewisse Anspannung in der Luft, da es sich nun mal um die WM handelte und nicht um ein kleines Ladenturnier. Bei 25 Teilnehmern war es jedem klar, dass man gegen jeden spielen könnte, der einem gerade gegenüber saß. Trotzdem war der Umgang miteinander sehr nett und es hat wirklich Spaß gemacht, dieses Turnier mitzuspielen und die anderen Teilnehmer kennenzulernen. Es war eine sehr besondere Erfahrung!

Erzähl uns mal kurz von deinen Vorrunden-Spielen am ersten Tag.

Die erste Runde begann damit, dass ich gegen einen Amerikaner gepaart wurde, der leider aus persönlichen Gründen nicht teilnehmen konnte, was einen geschenkten Sieg bedeutete. Die zweite Runde verlor ich knapp gegen den späteren Weltmeister. Danach spielte ich gegen HERO. Dieses Spiel war aufgrund meines Side Decks nicht sehr schwierig, auch die 4. Runde gegen ein Dark World Deck konnte ich schließlich für mich entscheiden. Hier spielte ich leider gegen den Griechen, mit dem ich mich sehr gut verstand, aber das gehört nun mal zu einem Turnier dazu.
In Runde 5 spielte ich gegen Stefano Memoli aus Italien; das Spiel war sehr schwierig und dauerte ziemlich lange. Das erste Spiel konnte er nach erst ca. 45 Minuten für sich entscheiden. Im zweiten Spiel startete ich auch nicht wirklich gut, jedoch konnte ich noch zurück ins Spiel finden und im Timeout ausgleichen. Die Partie endete unentschieden. Schließlich erreichte ich die Top 8 als Sechster.

Der zweite Tag begann dann gut mit dem gewonnenen Viertelfinale.

Das Top 8 Match war relativ einseitig, ich konnte es 2:0 gewinnen und es dauerte nicht länger als geschätzte 20 Minuten. Im Mirror Match gewinnt meist derjenige, der den besseren Start ins Spiel erwischt und das war in diesem Fall ich. Spiel 2 ging lange hin und her, jedoch konnte ich im richtigen Moment eine Insektor Libelle durchbringen und somit die Oberhand gewinnen, da er vorher bereits ein Feierliches Urteil gezahlt hatte.

Wie groß war die Enttäuschung nach dem Ausscheiden im Halbfinale?

Im Halbfinale lief es völlig anders als im Viertelfinale. Ich verlor sehr schnell 0:2, da er in beiden Spielen eine wirklich gute Starthand hatte und meine Hände wirklich nicht gut waren, aber so läuft das Mirror Match nun mal ab. Es war im ersten Moment sehr enttäuschend und ich begriff auch nicht direkt, dass es nun vorbei gewesen sein sollte, da es auch wirklich sehr schnell ging und ich meinem Gegner mit meinen Starthänden wirklich kaum etwas entgegenzusetzen hatte.

War es schwer, sich danach wieder für das Spiel um Platz 3 zu motivieren?

Allzu schwer war es nicht. Mir wurde recht schnell klar, dass ich bereits Großes erreicht hatte und auch nichts daran hätte ändern können. Ich hatte keine Fehler im Halbfinalspiel gemacht und somit mein Bestes gegeben. Das wichtigste Spiel war ohnehin das Viertelfinale gewesen, da es dort um die Preiskarte und die Trophäe ging.

Wie fühltest du dich, nachdem du mit dem 3. Platz den größten Erfolg eines Deutschen bei einer WM seit David Kretschmer, der 2005 dasselbe schaffte, erzielt hattest?

Es fühlte sich großartig an, mit einem Sieg aus dem Turnier zu gehen. Ich glaube, es war sogar besser als das Finale zu verlieren. Ich weiß nicht, wie es sich angefühlt hätte, das Finale zu verlieren, da man dann so knapp am Titel vorbei geschrammt wäre. Deshalb war ich kein bisschen enttäuscht und sehr zufrieden!

Was sind deine Ziele für die Zukunft?

Ich werde weiterhin mein Bestes auf meinen nächsten Turnieren geben und es wäre schön, wenn es in Zukunft einmal reichen würde, um ein großes Turnier wie eine YCS zu gewinnen. Natürlich wäre es klasse, sich noch einmal für eine WM zu qualifizieren!

Vielen Dank für das Interview!