Zum Auftakt der Berichterstattung zur Deutschen Pokémon Meisterschaft 2011 hat unsere Redakteurin Karin Siehs ein Interview mit dem Head Judge der Masters-Division Oliver Dürr geführt.

Bitte erzähl uns ein wenig über dich.
Mein Name ist Oliver Dürr. Ich bin inzwischen schon 24 Jahre alt und beschäftige mich ziemlich genau die Hälfte meines Lebens mit Sammelkartenspielen. Wenn ich gerade keine Papp-Karten in der Hand halte, studiere ich an der Universität Stuttgart Mathematik und Chemie mit dem Abschluss Lehramt an Gymnasien oder gehe mit Freunden irgendwelche lustigen Sachen machen.
Wie sieht deine Laufbahn als Judge aus?
Fangen wir doch damit an, wie ich angefangen habe: Nach dem erscheinen von Pokémon Rot und Blau im Herbst 1999. Es gab einen riesigen Pokémon-Hype und alle in meinem Alter haben Pokémon geliebt. Mich hat das auch voll erwischt, damals habe ich mein gan-zes Geld für Themendecks ausgegeben.
In einem wöchentlichen Treff in Stuttgart habe ich fast jede Woche gespielt und meine ersten kleinen Turniere als Schiedsrichter betreut. Unser Schwabenfight 2003 hat die da-mals sensationelle Zahl von über 45 Teilnehmern nach Stuttgart gezogen. Seit 2004 kann ich sagen: Ich habe an den Finalrunden aller deutschen Meisterschaften teilgenommen – als Schiedsrichter ![]()
Der nächste große Schritt war die Teilnahme an den Weltmeisterschaften 2006 und 2007 als Übersetzer, ab 2008 bisher dreimal als Schiedsrichter in der Senior Division. Ein weite-res tolles Turnier war die ECC 2011 in den Niederlanden, wo ich die 193 Spieler in der Master Division als Hauptschiedsrichter betreut habe.
Das größte Turnier, auf dem ich als Schiedsrichter gearbeitet habe, war ein Magic: The Gathering Grand Prix mit weit über 1000 Teilnehmern.
Hattest oder hast du Vorbilder?
Natürlich. Ich denke, jeder blickt zu gewissen Menschen auf und hätte gerne einige ihrer Eigenschaften. Meine Vorbilder sind keine Stars und Sternchen, sondern Menschen, die ich getroffen habe und die mich durch ihre Fähigkeiten oder ihre Art und Weise, mit Menschen umzugehen, beeindruckt haben. Im Sammelkartenbereich waren das Huy Dinh, der von Pokémon auf Magic gewechselt hat, und Magic-Schiedsrichter Justus Rönnau.
Bereitest du dich auf größere Events vor?
Natürlich. Wie für jeden guten Spieler ist auch für Schiedsrichter eine gute Vorbereitung Pflicht. Dabei geht es um zwei Dinge: Man muss bei Regeln und Strafen auf dem aktuellen Stand sein, sie nochmals durchlesen und alles parat haben. Der andere wichtige Teil ist Kommunikation. Eine Absprache mit den Organisatoren und anderen Schiedsrichtern ist der Schlüssel zu einem guten Event.
Auch in der Nachbereitung, die zu jedem Event gehört, ist Kommunikation sehr wichtig. Jeder muss ganz klar ansprechen, wo er Verbesserungsbedarf sieht: Konstruktive Kritik ist hier das Zauberwort. Die Schiedsrichter in meinem Team möchte ich dabei weiterbringen, indem ich ihnen persönliches Feedback gebe und sie an meiner Erfahrung teilhaben lasse. Für mich selbst versuche ich immer, die Punkte zu verbessern, die mir andere als Schwachstellen nennen.
Was sind die größten Herausforderungen?
Dazu gehören Situationen an Spieltischen, in denen beide Spieler etwas anders erzählen und wir als Schiedsrichter herausfinden sollen, was wirklich passiert ist. Ein Beispiel, das es auch im Viertelfinale der letzten Deutschen Meisterschaft gab: Hat der Spieler in diesem Zug schon eine Energie gelegt oder nicht?
Da man hier oft nur sehr wenige Indizien hat, ist es schwer, die richtige Entscheidung zu finden. Die Verantwortung kann sehr groß sein, solche Situationen treten nämlich ver-mehrt dann auf, wenn beide Spieler unter Druck sind und es um einiges geht.
Allerdings wäge ich meine Entscheidungen gut ab und überlege mir immer schon eine Be-gründung, wie ich sie den Spielern gegenüber vertreten kann. Erst, wenn ich eine gute Begründung habe, treffe ich die Entscheidung.
Was machst du, wenn du einmal nicht weiter weißt?
Das einzig richtige: Ich frage nach. Auf großen Turnieren arbeitet immer ein Team von Schiedsrichtern zusammen. Wenn man gemeinsam an schwierige Situationen herangeht, findet man oft eine gute Lösung.
Gibt es noch andere Positionen im Organized Play, die du gerne ausübst?
Viele Turnierpositionen habe ich schon ausgeübt, die meisten davon gerne, wobei meine Lieblingsposition Head Judge ist. Hier kommen nämlich die beiden Dinge zusammen, die mich auf Turnieren am meisten reizen: Auf der einen Seite steht der organisatorische Teil, ein Team von Schiedsrichtern zu formen und sich um den Ablauf zu kümmern. Auf der an-deren Seite habe ich direkt mit Spielern, interessanten Entscheidungen und Situationen zu tun, die auf dem Turnier auftreten.
Gibt es eine Anekdote, die du kurz erzählen möchtest?
Vor einigen Jahren durfte man in Europa noch japanische Karten spielen, wenn entspre-chende Referenzen benutzt wurden. Ein Spieler auf der DM spielte vier japanische Sonder-bonbons, die man leider eindeutig erkennen konnte, weil man den Kartenrücken durch die Hüllen durchschimmern sah. Wir mussten, nach den damaligen Regeln, eine Disqualifikati-on aussprechen.
Spieler sind für den Zustand ihres Decks selbst verantwortlich. Darum mein Tipp: Achtet darauf, dass alle eure Karten auf der Rückseite gleich aussehen. Wenn ihr euch unsicher seid, fragt einen Schiedsrichter, ob das so okay ist.
Hast du noch andere Tipps für Nachwuchs-Judges oder Spieler?
Klar! Zwei Dinge sind für beide wichtig: Kommunikation und Reisewillen. Sowohl als Spie-ler als auch als Schiedsrichter kann man seine Leistung über Erfahrung enorm steigern. Am besten entwickelt man sich weiter, indem man von besseren und erfahreneren Leuten lernt. Also versucht, so viele Tipps und Tricks wie möglich mitzunehmen.
Und vergesst eine Sache nicht: Pokémon soll Spaß machen!